Schweden

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Private Blogs können unerwartete Auswirkungen haben. Ein junger Ingenieur aus Göteborg bewarb sich auf eine Stelle in einer anderen Stadt, wurde jedoch abgelehnt. In den Papieren die er zurückgeschickt bekam, fand er einen Ausdruck des Blogs seiner Freundin, in dem sie sich geäußert hatte, dass sie nur ungern aus Göteborg wegziehen würde. Es klebte ein Zettel am Ausdruck mit der Aufschrift “Was tun?”.

Dass Arbeitgeber ihre Bewerber googeln, ist wohl nicht ungewöhnlich, aber das Blog sei angeblich anonym geführt worden. Außerdem darf man sich fragen, welche Relevanz die Aussage der Freundin für die Bewerbung hat. Das Unternehmen hat zugegeben, dass es ein Versehen war, den Ausdruck mit zurückzuschicken, will sich aber nicht dazu äußern inwieweit das Blog eine Rolle bei der Entscheidung gespielt hat.

(Quelle, englisch)

Das Verhältnis zwischen Blogs und klassischen Medien ist ja eines der Lieblingsthemen der Blogosphäre. Es ist ja auch interessant, schließlich reicht die Spanne bei Blogs von Tagebuchschreibern bis zu denen, die sich ernsthaft am “Bürgerjournalismus” versuchen.

Ein Lehrstück, wie ein Blog in das Metier der Zeitungen eindringt, spielt sich gerade hier in Schweden ab. Der Außenminister bloggt nämlich und erregt damit viel aufsehen. Drüben in meinem Schwedenblog, versuche ich, die Highlights davon wiederzugeben, an dieser Stelle soll aber die Situation fiktiv auf Deutschland übertragen werden.

Nehmen wir also an Frank-Walter Steinmeier hätte vor vier Wochen ein Blog aufgemacht, ganz informell bei Wordpress.com gehostet. Es ist auch kein Blog mit völlig durchdachten Politikeraussagen, sondern eins, in dem der Minister im Schnitt drei Mal am Tag (!) in nicht kurzen Beiträgen und in lockerem Ton schreibt, was er gerade so tut, wo er gerade ist, mit wem er gerade gesprochen hat, was er für die richtige Vorgehensweise in einer Sache hält, wie seine kommende Woche aussehen wird oder welches Buch er zur Zeit liest.

Nehmen wir weiter an, dass das Blog sehr schnell an Popularität gewinnt, in den vier Wochen seit Beginn 2,4 Millionen Besucher hatte und dass jeder Beitrag mittlerweile zwischen 150 und 2000 Kommentaren bekommt, alles von “Hallo Frank-Walter, ich finde dein Blog toll!” bis zu Rücktrittsforderungen. Steinmeier antwortet sporadisch auf einzelne Kommentare.

Die Rücktrittsforderungen kommen vor allem wegen der Affäre um Kurnaz, beziehen sich also auf Dinge aus der Zeit, bevor Steinmeier Außenminister wurde. Die größte Boulevardzeitung des Landes gräbt dazu Geschichten von damals aus und stellt sie als Skandal dar. Was macht der Minister? Er kommentiert die Medienaussagen in seinem Blog und nimmt dazu Stellung. Und zwar bevor er dies in den Medien tut. Diese müssen sich auf sein Blog berufen. Er stellt seine damalige und heutige Sicht der Dinge dar, liefert Links zu alten Artikeln, die genau das beinhalten, was jetzt als Neuigkeit verkauft wird. Er spricht direkt zu seinen Lesern und sagt ihnen, warum es Unsinn ist, was die Zeitung schreibt.

Das kommt an, wird gelesen und man meint, aufrichtige Offenheit zu erkennen – ein Gut, das Politikverdrossene auch in Schweden zu schätzen wissen.

Wenig überraschend, gefällt das der Boulevardpresse überhaupt nicht. Sie geht zum Angriff über, natürlich mit dem Argument, dass Herr Steinmeier die vierte Macht im Staat unterwandere, die unabhängigen und kritischen Medien. Im Blog habe er schließlich die Macht, Fragen auszulassen und den Sachverhalt so darzustellen, dass er mit weißer Weste dasteht. Macht ist natürlich der Knackpunk: Das Machtmonopol der Medien, als Mittler und Filter zwischen der Politik und der Bevölkerung zu agieren, ist durch das Blog des Ministers in Gefahr.

Die Diskussion schwappt schnell von der BILD- auf seriöse Zeitungen über. Die FAZ kritisiert das Blog ebenfalls hart in einem Leitartikel und fügt hinzu, dass Steinmeier in seinem Blog zu viel plappert und privaten Ansichten mit denen der Regierung vermischt. Es fällt der Vergleich mit populistischen Staatsführern wie Hugo Chavez. Steinmeier kommentiert die Diskussion wieder in seinem Blog und merkt an, dass dieses es anderen doch sogar erleichtert, ihn festzunageln. Er nennt es schlicht “Offenheit 2.0”. Die Süddeutsche stimmt in die Kritik ein, erinnert in einem Kommentar jedoch auch daran, dass es trotz allem nur ein Blog ist und dass es im Gegenzug Politiker, die heute viel stärker durch Pressesprecher abgeschirmt sind als noch vor zehn Jahren, endlich wieder zugänglich macht.

Das starke Medienecho sogt derweil dafür, dass das Blog noch bekannter wird und dass jetzt wirklich jeder im Land weiß, was ein Blog ist. Steinmeier ist entschlossen, es fortzuführen. Fortsetzung folgt…

In dieser Geschichte sind lediglich das Land, die Namen und das Thema des Skandals ausgetauscht und die Zahlen mit 9 multipliziert, dem Faktor wie viel mehr Menschen es in Deutschland gibt. Ansonsten spielt es sich genau so gerade in Schweden ab. Wann kommt so etwas in Deutschland?

Die Zahl der Beleidigungen und Verleumdungen im westlichen Nordschweden hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Man führt das nicht zuletzt darauf zurück, dass immer mehr Leute Blogs schreiben.

Ein Blog ist natürlich als Plattform sehr gut geeignet, sich den Frust von der Seele zu schreiben. Man muss aber wohl unterscheiden, ob man echte Missstände anprangert und seine Meinung begründen kann, oder ob jemand rumstänkert oder gar private Fehden austrägt. Im letzteren Fall finde ich es vor allem langweilig und selten lesenswert.

Ich lese zwar ein paar schwedische Blogs, habe aber keinen wirklichen Überblick über die schwedische Bloggosphäre. Es scheint jedoch viele nationale Dienste für blogtypische Sachen wie Pings, zentrale Verschlagwortung, Blogsuche, Ranglisten etc. zu geben.

Ein neuer Ping-Dienst, Twingly, sorgt gerade für Furore, weil er mit den Webauftritten etablierter Zeitungen, darunter die größte schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter, zusammenarbeitet und über diesen Mechanismus bei Zeitungsartikeln Links zu den Blogs angezeigt werden, die auf sie verlinken. Und da so ein Link Besucher auf die eigene Seite bringt, sind Blogger daran natürlich interessiert

Es wird spekuliert, dass das ein Versuch der etablierten Medien ist, die Richtung der öffentlichen Diskussion weiterhin zu bestimmen und nicht das Ruder an Blogs aus der Hand geben wollen. Wenn Blogger sich öfter auf Artikel der Zeitungen beziehen, bleiben diese tonangebend.

Kann ja sein. Ich finde es aber suspekt, dass dafür ein solcher Dienst gebraucht wird. Schließlich gibt es Trackbacks.

(via)

Nakt Googeln

Dass ich einmal das schwedische Äquivalent zu “Fleischer nackt” in die Bildersuche von Google eingeben würde, hätte mir bis eben zu denken gegeben. Es kam kein Ergebnis.

Ich war kurz davor, den verlinkten Artikel scherzhaft mit “Alltag” oder “Kultur” zu taggen, wollte mich dann aber doch nicht selber spammen.

Außerdem hasse ich es, wenn mir Fehler im Deutschen unterlaufen, weil man es im Schwedischen anders schreibt. “Nackt” ist hier “naken” mit langem “a” und prompt schrieb ich in dem Beitrag zwei Mal “nakt” anstatt “nackt”.

Zuletzt: Ist es nicht toll, dass man einen Blogbeitrag über einen anderen, eigenen schreiben kann, der länger ist, als der ursrüngliche?

Ich wohne ja in Schweden und frage mich gerade, in wieweit ich beim Bloggen eigentlich an deutsches Recht gebunden bin. Schließlich habt ihr da den Abmahnwahn und solche netten Dinge. Dieses Blog hat ja außer der Sprache eigentlich nichts mit Deutschland zu tun und wenn mir jemand aus der alten Heimat Böses wollte, müsste er sich mit internationalem Recht herumschlagen. Das funktioniert wohl zwar im Prinzip, ist aber komplizierter, weswegen z.B. vorgefertigte Standardabmahnungen nicht drin sind.

Ändert sich das bei .de-Domains, von denen ich ja einige habe? Um diese aus dem Ausland zu registrieren muss man ja einen Treuhänder in Deutschland haben und mein Domain-Registrar stellt das recht billig zur Verfügung. Muss ich also auf meinen .de-Seiten ein Impressum nach deutschem Recht haben und hier nicht? Oder spielt nur mein Wohnsitz eine Rolle?

Ich muss mich da mal schlau machen…

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